Kulturtechnik Unternehmensplanspiel

Wissenstransformation und Handlungssteuerung an der Schnittstelle von Wirtschaft, Computerisierung und Medialität

Das Unternehmensplanspiel (UPS) entsteht nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Kontext eines allgemeinen Wandels gesellschaftlicher Steuerungslogiken. Am Schnittpunkt von Unternehmensführung und ökonomischen Paradigmen materialisiert sich im UPS die Emergenz eines neuen Typs marktwirtschaftlicher Rationalität. Dabei stellt das UPS eine Kulturtechnik dar, die über die Grenzen einer reinen Führungsausbildung oder Prognostik in die Gesamtgesellschaft hinein wirkt: diskursiv über Ansätze der Kybernetik, Informatik und ein verändertes Verständnis von Medialität; als Artefakt schließlich über das Medium »Computer«. In den »Serious Games« der 50er Jahre werden Handlungssteuerung, Wissenstransformation sowie die Adaption an ein neues Medium und einen veränderten Rationalitätsbegriff »gespielt«.

Ziel des Projekts ist die Analyse der Konjunktur und Popularität des UPS in den 1950er bis 1970er Jahren sowie dessen Einfluss auf gesellschaftliche Praxen, die über rein ökonomische Zusammenhänge hinausweisen. Die methodische Verbindung von diskursanalytischen, medienhistorischen, wirtschaftshistorischen und spielanalytischen Zugriffsweisen im Hinblick auf eine materialorientierte Geschichte des Unternehmensplanspiels in der Bundesrepublik lässt neue Erkenntnisse über die Funktion des Spiels als Kulturtechnik fortgeschrittener Industriegesellschaften erwarten. Dabei wird die Perspektive der Medien- und Kulturwissenschaften durch eine unternehmenshistorische Aufarbeitung der Geschichte des UPS in der Bundesrepublik fundiert und ergänzt.

Wirtschaftsgeschichte, Medientheorie und Kulturwissenschaft sind hier in ihren jeweiligen Theorieansätzen und analytischen Zugriffsformen nicht bloß additiv gesetzt, sondern sollen am Gegenstandsbereich archäologisch und genealogisch synchron sowie in permanentem disziplinärem Austausch miteinander arbeiten. Die Beschäftigung mit dem im Untersuchungszeitraum angelegten historisch-archäologischen Knotenpunkt verspricht zudem eine Übertragbarkeit auf zeitgenössische Zusammenhänge: Wichtige Umbrüche, die maßgeblich auch für unsere heutigen postindustriellen Steuerungslogiken und die damit verbundenen Krisen scheinen, fanden zwischen den 50er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts statt. Gerade aus der Doppelfigur der historischen Rekonstruktion und Aufarbeitung zum Verständnis aktueller Diskursfiguren, die sich von der Wirtschaftstheorie bis zur Medienkritik erstrecken, ergibt sich ein innovativer Denkansatz.


Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (NO 818/4-1)